Ich habe die Ameisen im Bücherregal untergebracht, auf dem zweiten Brett von unten. Nach ihrem Umzug ist nicht viel Bemerkenswertes passiert. Eigentlich gar nichts. Die Ameisen waren wie die Bücher: Spannendes verheißend, aber unbelebt. Wenn ich mal wieder vor dem Schlauch kniete, fühlte ich mich eher wie Becketts Landstreicher
Wladimir und Estragon als nach
Heinz Sielmann. Denn da war nichts, kein Tier, von einer Herde ganz zu schweigen. Wie soll ich da auf
250 Folgen Ameisen-TV kommen? Wäre dieses Blog Theater, müsste das bisherige Stück »Warten auf die Ameisen« heißen.
Vom Formicarium führt ein Schlauch in die Futterarena. Zur Essenszeit, wir haben zwei
Teller Schritte weiter gerade unser erfrischendes kaltes
Gazpacho beendet, setzt ein Verkehrsansturm an. Sechs der Arbeiterinnen rasen hin und zurück und zerren an den toten Maden. Es gibt sie also noch, zumindest sechs. Und sie mögen meine erfrischenden kalten Maden. Sie tragen die Happen vorbei an den Büchern.
Auf halber Strecke passieren sie sechs Bände Heine, die Madenstücke fest umklammert. In ihrer zehn Millimeter durchmessenden Schlauch-Welt ahnen sie nichts von meinem aktuellen Heine-Lieblingssatz. Dabei steht er nur eine Fühlerlänge von ihnen entfernt: »… ich erscheine mir dann selbst sehr ameisenklein, und dennoch dehnt sich meine Seele so weltenweit.« (Heinrich Heine,
Die Nordsee, 3. Abteilung).
Jakob Vicari – 29. Jul, 14:52