Ameisen-Menschen (6): Die Fachbuchautorin
Bianca Beyer hat das Standardwerek zur Ameisenhaltung geschrieben – es ist das einzige, doch nicht nur deshalb das Beste. Die 31-jährige fühlt sich nicht als Freak, nur weil sie sich für krabbelnde Tiere interessiert.1. Um wieviele Ameisen kümmern Sie sich?
Derzeit darf ich 11 verschiedene Ameisenarten, einheimische wie exotische in ihrer Kolonienetwicklung studieren. Mir fallen aber promt noch drei weitere Arten ein, die ich nur zu gern im heimischen Wohnzimmer beobachten würde.
2. Warum ausgerechnet Ameisen?
Ich fühle mich ein Stück weit wie Alice im Wunderland, ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es gibt so viele faszinierende Aspekte an Ameisen zu entdecken, sei es nun ihr komplexes Sozialverhalten oder die evolutiven Spezialisierungen, die mich den Stress des Alltags einfach vergessen lassen. Ich tauche ein in eine wundersame Welt, höre von unterirdischen Bauten so groß wie durchschnittliche 1,5 Zimmer-Wohnungen (Blattschneiderameisen), von Arbeiterinnen die von ihren Nestgenossinnnen zur »Fettleibigkeit« herangezüchtet werden, um an der Decke hängend als lebender Nahrungsspenderin zu dienen (Honigtopfameisen) und von Ameisenpflanzen, die ihren Gästen Nahrung in Form von Nektar und Eiweißkörperchen anbieten und im Gegenzug vor Fraßfeinden und Überwucherung geschütz werden (Azteken-Ameisen). So könnte ich noch stundenlang fortfahren, um die Vielseitigkeit und Komplexität dieser faszinierenden Insekten zu vertiefen....
3. Welche Leistung von Ameisen bewundern Sie am meisten?
Das soziale Zusammenleben, welches in dieser hohen Ausprägung bei nur wenigen Tiergruppen entstanden ist. Die Fähigkeit der Ameisen als eine Einheit zu agieren (als Superorganismus), als wären ihre winzigen Gehirne über imaginäre Brücken verbunden, um Leistungen zu vollbringen, zu der die einzelne nicht in der Lage ist. Die Aufopferungsbereitschaft selbst für den Ameisenstaat zu sterben, damit verbunden ihre Hartnäckigkeit in der Verteidigung und Kriegslist.
4. Welche Gabe der Ameisen möchten Sie besitzen?
Darüber habe ich noch nie nachgedacht - denn auch wenn mich Ameisen faszinieren, eine sein möchte ich nicht! Aber pragmatisch gesehen würde ich höchsten die Kraft besitzen wollen, dass 40ig-fache des Körpergewichts tragen zu können. Dann gäbe es keine Schlepperei mehr beim Einkaufstüten tragen ;O)
5. Ihr schönster Ameisen-Moment?
Der Moment als ich den Nestbau meiner Kolonie Weberameisen beobachten durfte. Denn damit fing meine Faszination an, als ich vor gut 5 Jahren in einem Buch über diesen beeindruckenden Nestbau las, war ich so fasziniert, dass er sogar in meiner Examensarbeit Erwähnung fand. Und nun durfte ich genau das, was angesehene Ameisenforscher beschrieben mit eigenen Augen nachvollziehen.
6. Ihre Heldinnen in der Ameisen-Welt?
Es gibt keine richtige Heldin für mich, da ich allen Ameisenarten etwas interessanten, heldenartiges abgwinnen kann. Um aber dennoch ein Beispiel zu nennen, möchte ich auf eine Camponotus-Art (C. saundersi) verweisen, die aktiv ihren Hinterleib zerplatzen lassen kann. Mittels dieses Selbstopfers (Autothysie) wird ein klebriges Wehrsekret verbreitet, welches den Angreifer bewegungsunfähig macht. Sie hat ihr Leben für das Überleben ihres Volkes gelassen - der Mensch bezeichnet dies als heldenhaft, der Biologe in mir als Altruismus.
7. Welches ist der größte Irrtum über Ameisen?
Der Volksmund bezeichnet Ameisenkokons als Ameiseneier - das ist ein Punkt dem ich immer wieder in der Schule begegne. Insbesonders bei der Vermittlung der vollständigen (holometabolen) Entwicklung zeigt sich dieser Misstand als hinderlich. Leider zeigt sich immer wieder, dass die Allgemeinheit wenig über Ameisen weiss, aber viele Vorurteile tief verankert sind. So wird man oftmals als »Freak« in den Medien dargestellt, weil man sich für »ekliges Krabbelvieh« interessiert. Diejenigen, die offen hinter die Fassade schauen, können die Faszniation dann doch nachvollziehen, auch wenn sie nicht alle loslaufen und auch Ameisen zu Hause halten wollen. Aber darum geht es ja auch nicht, ein wenig mehr Respekt vor den Lebewesen, mögen sie noch so klein sein, reicht mir schon völlig aus. Dies hilft ungemein, die Natur so erhalten zu wollen, wie wir sie heute vorfinden, dass auch unsere Nachkommen sich noch an dieser erfreuen können.
www.antsnature.de
Jakob Vicari – 3. Sep, 09:21


