»Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.« sagte der Staatsratsvorsitzende der DDR
Walter Ulbricht. Ein wenig später fing er an, eine Mauer zu bauen. Nicht, dass mir Ulbricht irgendwie sympathisch wäre. In keinster Weise, das will ich betonen. Nur hatte ich auch vor, keine Mauer zu bauen. Als die Ameisen kamen wollte ich ein gütiger Staatschef sein. Eine vertrauensvolle friedliche Koexistenz zweier Völker schwebte mir vor. Bis ich eines Tages unachtsam war und den Deckel nicht richtig schloss. Eine Ameise nutzte die Gunst der Stunde. Aus war es mit der Koexistenz.
Als ich sie über mein Bücherregal klettern sehe, pocht in meinem Kopf die Mahnung der Schädlingsbekämpfer: »Schließen Sie nun alle Fenster und Türen sowie andere Fluchtmöglichkeiten.« Schließe ich sie vor mir? Hinter mir? Dann erinnere ich mich an die Worte des Redakteurs. Genau das ist der Reiz hatte er gesagt: Wenn die Ameisen bei mir zu Hause ausbrechen wird das Blog spannend. Mutig werfe ich einen Blick unter die Abdeckung: Ihre Majestät Königin Sri ist noch da. Vielleicht war alles nur ein Versehen.
Bis dahin hatte ich den Schutz vernachlässigt. Jetzt informierte ich mich. Ausbruchsschutz ist unter Ameisenhaltern eine Glaubenssache. Ich beschliesse die Sache gründlich anzugehen. Eine ganze Folge
Ameisen-TV ist daraus entstanden.
Es gibt tolles flüssiges Teflon: PTFE. Da rutschen die Ameisen einfach ab. Nach einem halben Tag Arbeit weiß ich: PTFE ist ein Teufelszeug. Es ist völlig flüssig. Und es spritzt. Meine Arme sind Teflonbeschichtet, die Arena nicht.
Paraffinöl ist die billige Alternative. Die hatte ich gleich mit bestellt. Das Öl soll die Ameisen durch seine Klebrigkeit abschrecken.Und so ist es: Es hilft. Aber es verklebt und verschmiert alles. Einschließlich der Ameisen. Ab sofort konnte ich nur noch ein Verhalten beobachten: Sich putzende Ameisen. Ich brauchte eine halbe Flasche Glasreiniger um das Öl wieder wegzubekommen.
Die meisten Ameisenforscher schwören auf Talkum. Ich war da skeptisch. Die Kreidekreise die ich als Kind gezeichnet habe, haben die Ameisen früher auch immer durchbrochen. Aber nach dem enttäuschenden Test von Teflon und Öl bleibt mir keine Wahl.
Feines weißes Pulver rieselt mir aus der Papiertüte entgegen. Wenn es auf dem Glas liegt und sich eine Ameise dranklammert, soll es abbröckeln. Samt Ameise. Das klingt logisch. Aber es aufs Glas zu bekommen ist eine andere Sache: Mit Wasser wird es zu Brei. Ein Pinsel trübt die Scheibe ein. Es klappt hervorragend.
»Sind schon welche ausgebrochen?« fragt am Wochenende mal wieder jemand, dem Ameisenblog erzähle. Tapfer sage ich wie immer: Nein. Und kontrolliere zu Hause die Grenze.
Jakob Vicari – 17. Sep, 10:23